1990
Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen
Quelle: Norbert WeberDrama von Christine Brückner
Es ist zu hören, wie es nach Meinung der Autorin geklungen haben könnte, wenn Frauen ihre ungehaltenen Reden tatsächlich gehalten hätten. Hatten Frauen denn nichts zu sagen?
"Wenn Du geredet hättest, Desdemona": In der letzten Viertelstunde im Schlafgemach des Feldherren Othello. Eine Abrechnung mit dem Gewaltmenschen, bevor er sie erwürgt.
"Triffst Du nur das Zauberwort": Effie Briest im Garten ihrer Eltern. Effie Briest vertraut ihrem tauben Hund die Minusbilanz ihres Lebens an.
"Donna Laura": Die pestkranke Donna Laura klagt ihren Geliebten, den hochgeschätzten italienischen Dichter Petrarca, an, der sie schmählich aus Angst vor der Pest verließ.
"Ungehaltene Reden ungehaltener Frauen" und " ... dazwischen mal ein Schicksal" wurden zusammen auf die Bühne gebracht.
Mitwirkende
| Auf der Bühne ... | |
|---|---|
| Desdemona | Renate Jansen |
| Donna Laura | Michaela Witt |
| Effie Briest | Stefanie Abel |
| ... hinter der Bühne | |
|---|---|
| Regie | Iris Hammelmann |
| Maske | Christa Weber |
| Souffleuse | Ingrid Witt |
| Bühnenbau | Michael Singelmann, Thomas Techow |
| Technik | Stefan Meyer |
Quelle: Ursula Hammelmann - Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken!
Der Abend in der Kritik:
Der Höhepunkt des Abends ist die von Michaela Witt gespielte Donna
Laura. Ein ehemaliger Laienspieler, diesmal im Publikum, zu unseren Redakteuren:
"So etwas hat Trittau noch nicht gesehen." Sensationell gut spiegelt sie die Trauer
einer hochstilisierten Göttin wider, die weder ihr Mann noch ihre große Liebe,
der Dichter Petrarca, irdisch behandelt. "Auch ich bin aus Fleisch und Blut",
schreit Michaela Witt in den Saal. Donna Laura - schon von der Pest gezeichnet -
geht schließlich zugrunde, einsam, auch in ihrer einst großartigen Schönheit
zerstört.
Eröffnungsrede von Ursula Hammelmann:
"Verehrtes Publikum,
zu diesem besonderen, etwas ernstem Theaterabend bin
ich gehalten, etwas zu sagen. Oder - sollte ich diese Rede lieber ungehalten lassen?
Aber, diese Zeiten sind doch wohl endgültig vorbei!
Hätte Desdemona doch schon damals ihrem Othello das sagen können, was sie heute mit
Christine Brückners Worten kann. Wer weiß? Vielleicht hätten dann Herz und Verstand das
verhindert, was Haß und dumme Eifersucht angerichtet haben.
Oder, hätte doch Effi Briest sich schon damals aufgelehnt gegen das ständige
'aber Effi'! Und hätte sie ihrem so viel älteren Gemahl klargemacht: 'Ich bin eine
selbständig denkende Frau. Deine Liebe brauche ich nicht, nicht Deine schulmeisterliche
Erziehung.' Vielleicht hätte der Baron von Instetten dann einmal weniger an seine
Karriere gedacht.
Und wenn Lisa ihrem Walter zum Abschied statt eines traurigen Gesichtes einfach
die Wahrheit mit auf den weiten Weg nach Australien mitgegeben hätte, vielleicht hätte
er es verstanden, welch ein Schicksal dazwischen lag.
Und wenn ich an Donna Laura denke! Hätte sie doch rechtzeitig ihrem Dichter
Petrarca zu verstehen gegeben, daß sie eine Frau aus Fleisch und Blut sei. Vielleicht
hätte er dann nicht an ihrer Liebe vorbei geschrieben.
Nein, diese Frauen waren keine Heiligen, aber voll tiefer Gefühle. Ich überlasse
Sie jetzt ihren Reden und hoffe, daß Sie nicht ungehalten sind, diese verkraften zu
müssen.
Was soll ich Ihnen für den heutigen Abend wünschen? Viel Spaß? Viel
Vergnügen?
Nein ? .... aber vielleicht viel Aufmerksamkeit, damit das eine
oder andere in Ihnen nachklingen möge."
Teilnahme an den 5. internationalen Theatertagen in Paderborn vom 6. - 9. September 1990